Abenteuer & Charakterstudien im Bioladen | Ich

Kulturvergleiche und Verhaltensforschung lassen sich am besten und am direktesten in Form der so genannten Feldstudie durchführen. Dabei begibt sich der wagemutige Forscher höchstselbst und in eigener Person an jene natürlichen Schauplätze, an denen er erfahrungsgemäß zwanglos auf die erforderliche Anzahl seiner anvisierten Studienobjekte – hier ein Bioladen – treffen wird.

Der Bioladen, die Leute und ich

Dort tarnt er sich unauffällig als zufällig Anwesender, während er insgeheim seine Bahn brechenden Beobachtungen mental protokolliert.

Bioladen
Meine neuen Freunde im Bioladen

Einzig und allein aus diesem Grund konnte man mich unlängst, bis zur Unkenntlichkeit als Teesocke getarnt, für die Dauer einer halben Stunde in einem Bioladen antreffen.

Und wenn ich auch mit Leib und Seele Wissenschaftlerin und dementsprechend ebenso neu- wie wissbegierig bin – an diesen Ort des Grauens grauer Gehirne kriegen mich keine zehn Pferde wieder zurück. Auch keine 100. Ich kann Pferde nämlich nicht ausstehen.

So muss meine folgende Schilderung aus dem Land der Körnerfresser und Korinthenkacker zwangsläufig ein Einzelfallbeispiel bleiben, das dennoch den multiplen Diskurs nicht scheut noch fürchtet.

Hauptsache schrumpelig geerdet

Das Angebot an saisonal und politisch korrektem Obst und Gemüse aus dem ökologisch dynamisch geprägten Anbau benachbarter Biobauern war ausgesprochen übersichtlich. Hier ein Körbchen mit Kartoffeln, da eine Schale mit Äpfeln und dort eine Schüssel mit Nüssen; sehr viel mehr gab’s nicht zu sehen. Daran hätte ich natürlich auch nichts auszusetzen gehabt.

Doch die wohlfeile Frischware strotzte nur so vor dem Erdboden, der sie hervorgebracht hatte. Und das, was sich unter der mit voller Absicht nicht abgewaschenen organischen Lehmkruste verbarg, wäre von der reinen Optik her in einem üblichen Supermarkt als offenkundig nicht verkehrsfähiges Lebensmittel erst gar nicht in die Regale gelangt. Dennoch ergingen sich einige Kunden vom Typ frustrierter Oberlehrer in lobpreisenden Betrachtungen darüber, um wie viel wohlschmeckender und gesünder solch naturbelassene Vitaminspender doch wären.

Liebe Müslis! Nur weil die mit Öko-Lehm zugekleisterten Früchte des Feldes das Auge mit ihrer Hässlichkeit grausam beleidigen, müssen sie noch lange nicht gesund sein. Es gibt durchaus auch appetitlich ansehnliche Geschenke der Natur, die niemals Kunstdünger oder Pestizide gesehen haben. Aber diese A-Klasse-Ware futtern die schlauen Bio-Bauern wahrscheinlich selbst. Und lachen sich dabei über die völlig fehlgeleiteten Glaubenssätze falsch vergeistigter Stadtmenschen halbtot, die umso mehr Geld in die Hand nehmen, je erbärmlicher Karotten & Co. daherkommen.

Wie hieß denn mein Hähnchen?

An der anthroposophisch ausgerichteten Fleischtheke kann man nicht einfach so seine Bestellung abgeben und auf Bedienung hoffen. Denn hier legt jedes frisch erlöste Brathähnchen und jedes neu geborene Steak mit der posthumen Amtshilfe des beseelten Metzgers zunächst ein beredtes Zeugnis seiner Entstehung und Herkunft ab. Das mag für ein Tiermediziner Erstsemester ja noch ganz spannend sein.

Bioladen -nie wieder
Biologisch wertvolle Äpfel sind

Aber mal ehrlich: Will ich wirklich wissen, was die letzten Gedanken meines Rollbratens waren? Was mich dagegen tatsächlich interessiert und auch interessieren sollte, ist die Frage, ob bei der Produktion des angebotenen Fleisches gesundheitsschädigende Hilfsmittel verwendet wurden und/oder ob eine tierunwürdige Haltung stattgefunden hat, die selbstverständlich hier wie da absolut intolerabel ist. Diese wichtigen Informationen erhalte ich heute auf Zuruf in jeder seriösen Fleischerei. Darum gehe ich auch lieber beim alt eingesessenen Metzger meines Vertrauens einkaufen, statt mir von einem ökotrophologischen Moralapostel einen Knopf an die Backe labern zu lassen. Außerdem mag ich mich nicht in die ellenlange Schlange einreihen, die sich inzwischen vor der verwerflich fleischlichen Theke gebildet hat, weil einem Kunden die Eingeweide eines noch heute Morgen quieklebendigen Schweins der Reihe nach persönlich vorgestellt werden.

Kinder, Kinder!

Besonders ätzend sind die lieben Kleinen, die es im Rahmen ihrer antiautoritären Erziehung nie gelernt haben, Besitzverhältnisse zu respektieren, oder wenigstens ihre klebrigen Griffel für eine Weile bei sich zu behalten. Solche Nervensägen gehören fast schon zur Standardausrüstung jeden Bioladens, weil die zwar Erziehungsberechtigten, aber leider nicht Erziehungsbefähigten diesen Tempel organischer Genüsse mit einem kostenlos zugänglichen Abenteuerspielplatz verwechseln.

Und die blökenden Blagen kennen den Unterschied sowieso nicht – woher auch? Ich werde zu meinem Bedauern mehrfach Augen- und Ohrenzeuge, wie Katharina, Maximilian & Co. sich einen Teufel um die halbherzig mahnenden Worte ihrer Begleiter scheren, und mit ungebremster Lust an der Zerstörung Verpackungen aufreißen, wahllos in Waren beißen, und grundsätzlich eine Lautstärke knapp oberhalb eines startenden Düsenjets aufrecht erhalten. Wenn auch in einem wesentlich unangenehmeren Frequenzgang.

Liebe Körnerpicker! Habt Ihr es immer noch nicht gerafft, dass es unabdingbar zu einer sinnvollen Erziehung gehört, Kindern frühzeitig (und pädagogisch fundiert) Grenzen aufzuzeigen? Wer nie lernt, wie weit er gehen kann, und wann das Limit erreicht ist, der wird sich in späteren Jahren in der Gesellschaft ziemlich schwer tun.

Damit ist keinem gedient. Außerdem trägt es nicht gerade zur allgemeinen Akzeptanz von Kindern bei, wenn man mit ihnen ausschließlich Plärrbrüllkreisch und ungezügelte Destruktivität assoziiert. Um Kinder lieben zu können, müssen die nämlich erstmal was Liebenswertes an sich haben. Und das kommt, man lese und staune, auch durch eine gute Erziehung zustande. Nicht aber durch keine Erziehung, wie viele sozial verwahrloste Walldörfler immer noch glauben.

Nach einer halben Stunde muss ich meine Feldstudie vorzeitig abbrechen. Ich halte es nämlich in dieser Dünkelbude, wo sich blasse Veganer mit ewig gestrigen Biomoralaposteln um die Wette ereifern, keine Sekunde länger aus. Wahllos greife ich mir irgendein Produkt (unbestrahlte und daher noch vollständig keimfähige Bio Hanfsamen der Marke Davert, die man sich lecker in der Pfanne rösten kann) und eile damit zur Kasse. Keine Sekunde zu früh. Hinter mir sind nämlich Markus und Moritz schon im lautstarken Landeanflug. Und die haben verdammt schlechte Laune.

Fazit und Recherchetipp

Wer viel Geld für leere Versprechungen loswerden will, der soll sein Pulver ruhig weiterhin im Bioladen verschießen. Alle anderen, die sich auch mal kritisch nachfragen trauen, informieren sich regelmäßig beim Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E. e.V.) und glauben dann ganz sicher nicht mehr alles, was ihnen durchgeistigte Bioapostel moralinsauer ansingen wollen.

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