Die Corioliskraft – Unsichtbare Macht auf unserer rotierenden Erde

Unser Planet dreht sich Tag für Tag unaufhörlich um seine eigene Achse. Diese gewaltige Bewegung beeinflusst unser Wetter, den Verlauf der Meeresströmungen und selbst die Flugbahnen von Flugzeugen, ohne dass wir es im Alltag bewusst wahrnehmen. Ein faszinierendes Phänomen, das hinter vielen dieser Erscheinungen steckt, ist die sogenannte Corioliskraft. Sie ist eines jener Naturgesetze, die unsichtbar wirken, unser Leben aber spürbar formen. In diesem Artikel schauen wir uns genauer an, was die Corioliskraft ist, wie sie entsteht, wo sie uns (meist ungeahnt) begegnet und warum sie auf dem ganzen Globus eine unterschiedlich große Rolle spielt.

Was ist die Corioliskraft eigentlich?

Die Corioliskraft – manchmal auch als Coriolis-Effekt bezeichnet – ist eine Scheinkraft, die auf Objekte wirkt, die sich in einem rotierenden Bezugssystem bewegen. Sie wurde nach dem französischen Mathematiker Gaspard-Gustave de Coriolis benannt, der diese Kraft im 19. Jahrhundert mathematisch beschrieb. Doch was bedeutet das?

Wo begegnet uns die Corioliskraft im Alltag
Wo begegnet uns die Corioliskraft im Alltag

Stell dir vor, du wirfst einen Ball geradeaus – auf einem Karussell sitzend. Aus deiner Sicht fliegt der Ball vielleicht scheinbar gerade. Von außen aber sieht man, dass der Ball eine gekrümmte Bahn beschreibt, weil sich das Karussell währenddessen weiterdreht. Genau dieser Effekt tritt auch auf unserer Erde auf. Die Erde dreht sich von Westen nach Osten, und alles, was sich auf ihrer Oberfläche bewegt – also Luftströme, Meeresströmungen oder auch Flugzeuge – wird von der Corioliskraft „abgelenkt“.

Physikalisch erklärt, entsteht diese Kraft dadurch, dass sich verschiedene Punkte auf der Erde unterschiedlich schnell bewegen: Am Äquator ist die Geschwindigkeit durch die Erdrotation am größten, zu den Polen hin nimmt sie ab. Bewegt sich ein Objekt auf der Nordhalbkugel von Süden nach Norden, behält es die hohe Geschwindigkeit aus der Äquatorregion bei – so wird es scheinbar nach Osten „abgelenkt“; auf der Südhalbkugel erfolgt die Ablenkung nach Westen.

Wo begegnet uns die Corioliskraft im Alltag und in der Natur?

Im Alltag merken wir von der Corioliskraft recht wenig. Die Kräfte, die auf alltägliche, menschliche Bewegungen wirken (z. B. beim Radfahren oder Joggen), sind schlicht zu klein, als dass wir sie direkt spüren würden. Doch sie entfaltet ihre Wirkung dort, wo Geschwindigkeiten und Distanzen groß sind – im Wetter, auf Meeren und in der Luftfahrt.

Ein markantes Beispiel ist das Wetter: Die Drehbewegung der Erde und damit die Corioliskraft sorgen dafür, dass großräumige Luftströmungen nicht einfach „geradeaus“ von Hochdruck- zu Tiefdruckgebieten fließen. Stattdessen werden sie auf der Nordhalbkugel nach rechts und auf der Südhalbkugel nach links abgelenkt. So entstehen die charakteristischen Wirbel von Tiefdruckgebieten – ganz besonders die verheerenden Hurrikans, die sich wegen der Corioliskraft im Nordatlantik gegen den Uhrzeigersinn drehen und auf der Südhalbkugel im Uhrzeigersinn. Auch der Jetstream, ein Starkwindband, das in großer Höhe um die Erde strömt, wird maßgeblich von der Corioliskraft geformt.

Aber auch auf die Meere wirkt die Corioliskraft. Meeresströmungen wie der Golfstrom werden durch sie in bestimmte Bahnen gelenkt. Wirtschaft und Schifffahrt profitieren seit Jahrhunderten vom Verständnis dieser Strömungen.

Ein weiteres alltägliches Beispiel ist die Luftfahrt. Piloten müssen bei ihren Routenplanungen die Erdrotation und den Coriolis-Effekt berücksichtigen, um möglichst effizient von A nach B zu gelangen – besonders bei Langstreckenflügen, die große Breitenunterschiede überqueren.

Ein Mythos hält sich aber hartnäckig: Häufig wird behauptet, dass die Corioliskraft bestimmt, in welche Richtung das Wasser in Toiletten oder Badewannen abfließt. Das stimmt so nicht – bei dieser kleinen Skala sind andere Kräfte (etwa die Form der Wanne oder lokale Wasserbewegungen) viel stärker als die Corioliskraft, die in diesem Zusammenhang zu vernachlässigen ist.

Einflussfaktoren, Unterscheidungen und Missverständnisse

Doch was beeinflusst die Größe der Corioliskraft überhaupt? Sie hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab: der Geschwindigkeit des bewegten Objekts und der geografischen Breite. Am stärksten ist sie am Äquator, weil sich hier die Erde am schnellsten dreht; an den Polen nimmt sie ab, wo die Rotationsgeschwindigkeit gegen null geht. Formelhaft lässt sich sagen: Je schneller das Objekt und je weiter weg vom Äquator, desto stärker wirkt die Corioliskraft.

Ein weiteres spannendes Feld ist die Frage: Ist die Corioliskraft überall auf der Erde gleich groß? Die Antwort ist ganz klar: Nein. Am Äquator ist ihre Wirkung Null – hier gibt es keine Kraft, die Bewegungen nach rechts oder links ablenkt. Richtung Pole nimmt die Wirkung zu, erreicht dort aber nicht die gleiche maximale Geschwindigkeit durch die Erdrotation wie am Äquator. Deswegen wirken tropische Wirbelstürme, also Hurrikans und Taifune, nur zwischen den Wendekreisen und nicht ganz am Äquator selbst.

Oft werden auch Entstehung und Wirkung der Corioliskraft falsch verstanden. Sie ist keine „richtige“ Kraft, wie es etwa die Schwerkraft ist, sondern eine sogenannte Scheinkraft – das heißt, sie tritt nur in rotierenden Systemen für einen Beobachter auf, der sich mit diesem System mitbewegt. In einem Bezugssystem außerhalb der Erde (aus dem „All betrachtet“) bewegt sich beispielsweise ein Wind tatsächlich „geradeaus“ – nur wir „auf der Erde“ erleben die scheinbare Ablenkung, weil unser Bezugssystem rotiert.

Ein weiterer Irrtum: Viele glauben, die Corioliskraft ist für alle spiralförmigen Bewegungen verantwortlich, etwa für den Strudel in einer Kaffeetasse oder den Tornado im Miniaturformat. Kleine Wirbel oder Strömungen im Haushalt entstehen aber durch andere Effekte, die Corioliskraft spielt erst bei großräumigen Bewegungen eine Rolle.


Unsichtbares Naturgesetz, spürbar für die Welt – Die Corioliskraft ist also eine unsichtbare, aber entscheidende Kraft im System Erde. Sie beeinflusst, wie Winde wehen, Wellen laufen und Wetter entsteht. Sie ist wesentlich für das Klima und das weltweite Gleichgewicht auf unserer Erde, auch wenn wir sie selbst im Alltag kaum unmittelbar spüren. Wer einmal durch den Globus reist oder auf die Wetterkarte schaut, erlebt die Folgen dieser unsichtbaren Kraft immer wieder aufs Neue – oft, ohne zu wissen, was dahintersteckt. Und genau das macht sie zu einem der spannendsten und prägendsten Naturphänomene auf unserer rotierenden Erde.

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