Die Wintersonnenwende und Sommersonnenwende gehören zu den faszinierendsten Naturphänomenen unseres Planeten. Sie entstehen durch die Neigung der Erdachse, die gegenüber der Ebene ihrer Umlaufbahn um die Sonne, der sogenannten Ekliptik, um etwa 23,4 Grad geneigt ist. Diese Schieflage bewirkt, dass der Eintritt der Sonnenstrahlen im Jahresverlauf variiert, was die zyklischen Veränderungen von Tag- und Nachtlängen und letztlich die Jahreszeiten hervorruft.
Die Winter- und Sommersonnenwende: Naturphänomene und ihre Ursache
Während der Sommersonnenwende um den 21. Juni erreicht die Sonne ihren höchsten Stand über dem Horizont – dies ist der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres auf der Nordhalbkugel. Im Gegensatz dazu markiert die Wintersonnenwende um den 21. Dezember den niedrigsten Sonnenstand und damit den kürzesten Tag und die längste Nacht.

Für viele Kulturen hatten diese Wendepunkte seit jeher große spirituelle Bedeutung. Bereits in der Steinzeit errichteten Menschen monumental ausgerichtete Bauwerke wie etwa Stonehenge oder die Kreisgrabenanlagen in Mitteleuropa, die präzise Sonnenaufgänge und -untergänge zur Wendezeit widerspiegeln. In alten Hochkulturen galten die Sonnenwenden als symbolischer Neubeginn, als Zeiten, in denen Götter und Naturkräfte verehrt und damit die Rückkehr von Licht und Wachstum gefeiert wurde.
Feste und Bräuche rund um den Globus: Von Midsommar bis Julfest
Die Sonnenwenden sind weit mehr als bloße astronomische Ereignisse – sie prägen das gesellschaftliche und kulturelle Leben vieler Völker. Besonders die Sommersonnenwende wird von den Menschen nördlicher Breiten ausgiebig gefeiert. In Skandinavien gilt „Midsommar“ als Höhepunkt des Jahres. In Schweden, Finnland und Norwegen treffen sich Familien und Freunde im Freien, schmücken sich mit Blumen, tanzen um den Maibaum und genießen traditionelles Essen.
Die Tatsache, dass die Sonne rund um die Sommersonnenwende in nördlichen Regionen gar nicht oder kaum untergeht und als „Mitternachtssonne“ erlebt werden kann, macht dieses Fest besonders magisch. Auch in Estland und Lettland, wo das Fest als „Jaanipäev“ beziehungsweise „Jāņi“ bekannt ist, lodern riesige Lagerfeuer, wird gesungen und gefeiert. In Mitteleuropa sind es meist die Johannisfeuer am 24. Juni, mit denen das Sonnenlicht begrüßt und gefeiert wird. Die Wintersonnenwende wiederum beeinflusst heute noch zahlreiche adventliche und weihnachtliche Bräuche.
In Skandinavien finden sich etwa die Lichterfeste des Jul, in deren Zentrum die Rückkehr des Lichts steht. Das Anzünden von Kerzen, Lichterketten und Feuer hat vielerorts eine lange Tradition. Die Funktion dieser Feste liegt nicht nur im kollektiven Trost in der dunklen Jahreszeit, sondern auch im gesellschaftlichen Zusammenhalt und der symbolischen Überwindung der Dunkelheit.
Kulturelle Bräuche und Feste weltweit zur Sonnenwende und Polarnacht
Die Sonnenwenden und die Polarnacht haben Menschen auf allen Kontinenten inspiriert, Feste, Rituale und Bräuche zu entwickeln, die Licht und Dunkelheit symbolisch verarbeiten:
Viele indigene Völker im hohen Norden Nordamerikas, etwa die Inuit in Alaska und Kanada, feiern Zeremonien zur Rückkehr des Sonnenlichts. Während der Polarnacht werden Geschichten erzählt, Trommeln gespielt und Tänze vollführt, um Gemeinschaft und Hoffnung zu stärken. Die Rückkehr der Sonne im Januar wird teils mit kleinen Feuern, besonderem Essen und Liedern willkommen geheißen.
In den nördlichen Teilen Russlands ist die Sonnenwende ebenfalls von Bedeutung. In Jakutien, einer sehr kalten Region, wird das Fest „Yhyakh“ zu Zeiten der Sommersonnenwende gefeiert. Dieses Fest symbolisiert das Wiedererwachen der Natur und den Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Es gibt traditionelle Tänze, Gesänge und das Teilen von fermentedem Stutenmilchgetränk (Kumys).
In Japan markiert die Wintersonnenwende, genannt „Tōji“, einen Tag der Reinigung und des gesundheitlichen Neubeginns. Es ist Brauch, ein heißes Bad mit Yuzufrüchten (eine Art Zitrusfrucht) zu nehmen, das das Immunsystem stärken soll. Auch das Essen von Kürbissen gilt als Ritual, das Glück und Energie für die kalte Jahreszeit spendet.
Im alten Peru zelebrierten die Inka zur Wintersonnenwende (auf der Südhalbkugel im Juni) das Fest „Inti Raymi“ zu Ehren des Sonnengottes Inti. Auch heute noch wird Inti Raymi in Cusco mit farbenfrohen Paraden, Tänzen und rituellen Opfergaben gefeiert, um die lebensspendende Kraft der Sonne zu ehren und eine gute Ernte zu erbitten.
Bei den San in Südafrika symbolisiert der Sonnenstand das Auf und Ab des Lebens. Besonders zur Sommersonnenwende werden Heilungsrituale mit Tänzen, Trance und Geschichten über die Sonne durchgeführt, die Hoffnung und Zusammenhalt fördern sollen.
Auch für die Ureinwohner Australiens, die Aborigines, spielen Sonne und Jahreszeiten eine mythische Rolle. In einigen Regionen gibt es spezielle Lieder und Zeremonien, die den Sonnenlauf nachvollziehen und das Gleichgewicht zwischen Dunkelheit und Licht ehren.
Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland sowie die extremen Bedingungen in Skandinavien
Der Unterschied der Tageslängen innerhalb Deutschlands ist kein bloßes Kuriosum, sondern lässt sich auch konkret messen. Während Deutschland von Nord nach Süd rund 880 Kilometer misst, ergeben sich deutliche Differenzen zwischen Hamburg und München. Am Beispiel der Sommersonnenwende zeigt sich, dass im Norden der Tag deutlich länger ist als im Süden.
So wird in Hamburg die Sonne am 21. Juni bereits um etwa 4:51 Uhr aufgehen und erst gegen 21:53 Uhr untergehen, während es in München erst um 5:13 Uhr hell und bereits um 21:17 Uhr wieder dunkel wird. Der Unterschied in der Tageslänge beträgt zwischen Nord- und Süddeutschland im Sommer somit etwa 45 Minuten. Im Winter, zur Zeit der kürzesten Tage, ist die Differenz auf etwa 20 bis 30 Minuten geschrumpft, das Tageslichtfenster ist insgesamt sehr viel kleiner, aber nach wie vor leicht zugunsten des Nordens verschoben. Der Grund für diese Unterschiede liegt in der Kugelgestalt der Erde und der Neigung der Achse: Je weiter ein Ort nach Norden liegt, desto länger bleibt im Sommer die Sonne über dem Horizont und desto kürzer zeigt sie sich im Winter.
Noch drastischer wird dieser Effekt jenseits des Polarkreises, wie er in Skandinavien deutlich wird. Hier kommt es im Winter zur sogenannten Polarnacht, während der die Sonne teils mehrere Wochen lang überhaupt nicht aufgeht. Ein besonders prägnantes Beispiel ist Tromsø in Norwegen, wo zwischen Ende November und Mitte Januar ausschließlich Dämmerlicht herrscht, die Sonne den Horizont jedoch nicht überschreitet. Im Gegenzug erleben diese Regionen im Sommer die „Mitternachtssonne“ – über mehrere Wochen geht die Sonne dann nicht unter, der Himmel bleibt taghell oder zumindest dämmrig.
In Finnland oder im hohen Norden Schwedens ist dieses Phänomen ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Selbstverständnisses und prägt neben Klima auch Psychologie: Während der dunklen Monate steigen Depressionen und soziale Isolation, während die lichtreichen Monate für Aktivität, Lebensfreude und zahlreiche Feste genutzt werden.
Die Wirkung der Sonnenwenden auf Flora und Fauna
Die Veränderungen des Tageslichts wirken sich nicht nur auf den Menschen aus, sondern beeinflussen auch Tiere und Pflanzen erheblich. Viele Tierarten richten ihr Fortpflanzungs- und Wanderverhalten am Wechsel der Tageslänge aus: Zugvögel kehren zur Zeit der Frühlings- und Herbstwenden aus ihren Winterquartieren zurück oder brechen auf. Auch das Pflanzenwachstum ist eng an den Rhythmus der Sonne geknüpft – längere Tage regen im Frühjahr das Wachstum vieler Arten an, während die kürzeren Lichtphasen im Herbst und Winter eine Ruheperiode einleiten. Auch das Verhalten von Insekten und anderen Lebewesen wird von den Sonnenwenden und der damit einhergehenden Lichtsteuerung beeinflusst.
Moderne Betrachtung und wissenschaftliche Relevanz
Neben ihrer kulturellen und ökologischen Bedeutung bieten die Sonnenwenden auch in der heutigen Wissenschaft wichtige Bezugspunkte. In der Astronomie dienen sie als natürliche Fixpunkte im Kalender und markieren den exakten Wechsel der Jahreszeiten. Meteorologische und klimatologische Forschungsbereiche nutzen Sonnenwenden, um Klimaentwicklungen, Vegetationszyklen oder auch Auswirkungen des Klimawandels präziser zu analysieren. Sogar in der Energieversorgung gewinnen sie an Bedeutung: Im Sommer kann die längere Sonnenscheindauer optimal für die Solarenergiegewinnung genutzt werden, während im Winter spezielle Technologien erforderlich sind, um trotz kurzer Tage ausreichend Energie zu erzeugen.
Astronomische Details der Polarnacht
Die Polarnacht ist ein außergewöhnliches Naturereignis, das ausschließlich in den Polarregionen unseres Planeten, also nördlich des nördlichen Polarkreises (66,5° nördlicher Breite) und südlich des südlichen Polarkreises (66,5° südlicher Breite) auftritt. Astronomisch gesehen entsteht die Polarnacht durch die Neigung der Erdachse um etwa 23,4 Grad relativ zu ihrer Umlaufebene um die Sonne. Während des Winters liegt die jeweilige Polarregion so zur Sonne geneigt, dass die Sonne auch zur Mittagszeit nicht über den Horizont steigt.
Je näher man dem jeweiligen Pol kommt, desto länger dauert die Polarnacht: Direkt am Pol selbst herrscht für etwa sechs Monate Finsternis, unterbrochen lediglich von der sogenannten „blauen Stunde“ bzw. Dämmerung, während der sich die Sonne in unmittelbarer Nähe des Horizonts befindet, aber nicht sichtbar wird. Weiter entfernt vom Pol, aber immer noch jenseits des Polarkreises, kann die Polarnacht von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen andauern. Die Dauer wird dabei durch den Breitengrad bestimmt: Je höher, desto ausgedehnter die Phase der Dunkelheit.
Man unterteilt die Polarnacht zusätzlich in verschiedene Abstufungen:
- Bürgerliche Polarnacht: Die Sonne steigt nie höher als 6 Grad unter den Horizont, sodass es zumindest in der Mittagszeit dämmrig wird (“bürgeliche Dämmerung”).
- Nautische Polarnacht: Die Sonne bleibt maximal 12 Grad unter dem Horizont. In diesem Zeitraum herrscht nautische Dämmerung, das Meer und der Horizont sind aber weiterhin schwach erkennbar.
- Astronomische Polarnacht: Die Sonne sinkt nie weniger als 18 Grad unter den Horizont. Dann ist es 24 Stunden komplett dunkel – nur Polarlichter und Sterne beleuchten den Himmel.
Phänomene wie Polarlichter (Aurora Borealis und Aurora Australis) sind in der Polarnacht besonders häufig zu beobachten, da die langen Nächte und die spezielle geographische Lage ideale Bedingungen bieten. Diese leuchtenden Erscheinungen entstehen durch geladene Teilchen aus dem Sonnenwind, die auf die Erdatmosphäre treffen und besonders spektakulär während der Dunkelheit der Polarnacht sind.