Christkind oder Weihnachtsmann an Weihnachten?

Die historischen Unterschiede zwischen Christkind und Weihnachtsmann, ihre spezifischen Rollen zur Weihnachtszeit und die letztlich unterschiedlichen Zeiten der Bescherung sind tief in Europas Kulturgeschichte und religiöser Entwicklung verwurzelt. Beide Figuren haben sich aus bedeutenden religiösen, gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen entwickelt und repräsentieren bis heute verschiedene Aspekte des Weihnachtsfestes. Um diese Unterschiede in ihrer Tiefe und Vielfalt zu beleuchten, lohnt ein ausführlicher Blick in die Entstehungsgeschichte sowie deren jeweilige Symbolik.

Herkunft und Wurzeln des Weihnachtsmanns

Die Figur des Weihnachtsmanns hat einen langen und facettenreichen Entwicklungspfad hinter sich. Ihren Ursprung findet sie im Heiligen Nikolaus von Myra, einem christlichen Bischof aus dem 4. Jahrhundert, der in der heutigen Türkei lebte. Nikolaus wurde wegen seiner Mildtätigkeit und Großzügigkeit schon früh zu einer beliebten Gestalt.

Wer bringt denn nun die Geschenke - Christkind oder Weihnachtsmann?
Wer bringt denn nun die Geschenke – Christkind oder Weihnachtsmann?

Sein Gedenken am 6. Dezember, der Nikolaustag, etablierte sich zu einer Zeit, als kirchliche Heiligenverehrung gerade in Europa eine wichtige Rolle spielte. Kinder erhielten am Nikolaustag kleine Geschenke – eine Sitte, die sich aus den Legenden rund um den Heiligen speiste, etwa die berĂĽhmte Geschichte, in der Nikolaus drei armen Mädchen durch das Einwerfen von GoldstĂĽcken ins Haus eine Zukunft sicherte.Im Laufe der Jahrhunderte verschmolzen die Geschichten um den heiligen Nikolaus zunehmend mit lokalen Bräuchen, insbesondere im deutsch- und niederländischsprachigen Raum sowie später in Skandinavien und England, wo der Nikolaus als “Sinterklaas”, später „Santa Claus“, bekannt wurde. Die niederländischen Siedler trugen diese Tradition im 17. Jahrhundert mit in die Neue Welt, wo sie in der neuen amerikanischen Kultur eine tiefgreifende Transformation erlebte. So wurde aus dem Bischof in liturgischem Gewand eine zunehmend säkulare und märchenhafte Figur, die den Kindern am ersten Weihnachtstag Geschenke bringt.

Im Amerika des 19. Jahrhunderts erhielt der Weihnachtsmann, beeinflusst durch Literatur, Werbung und Kunst, seine heute übliche rot-weiße Erscheinung. Die populäre Vorstellung, dass der Weihnachtsmann „Santa Claus“ durch den Kamin ins Haus kommt und Geschenke bringt, wurde maßgeblich von Clement Clark Moores Gedicht „A Visit from St. Nicholas“ („The Night Before Christmas“) geprägt. Auch die Darstellung des Weihnachtsmannes in der Werbung – wobei hier oft fälschlicherweise Cola-Cola die Schaffung der Figur in ihrem heutigen Aussehen zugeschrieben wird – machte das Bild international populär. Tatsächlich zeigte sich bereits vor der berühmten Werbekampagne von Coca Cola in den 1930er-Jahren ein rotgekleideter, gemütlicher Gabenbringer in verschiedenen Darstellungen.


Und nein, der Weihnachtsmann stammt nicht von der Coca Cola Company! Diese verbreitete Theorie besagt, dass Coca Cola den rot gekleideten Weihnachtsmann als Geschäftsidee für eine Werbekampagne in den 1930ern schuf. Tatsächlich trug der Weihnachtsmann Rot bereits in früheren Darstellungen, doch die Werbungen von Coca Cola haben sicherlich dazu beigetragen, dieses Bild weiter popularisiert und gefestigt.


Die Entstehung des Christkindes

Im Gegensatz zu der säkularisierten und vermarkteten Figur des Weihnachtsmannes ist die Geschichte des Christkindes viel stärker mit religiösen Reformbestrebungen verbunden. Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Reformation des 16. Jahrhunderts. Martin Luther, der Initiator der Reformationsbewegung, legte besonderen Wert darauf, das Weihnachtsfest von Heiligenverehrung zu lösen und den Blick der Gläubigen wieder stärker auf die Geburt Christi, das eigentliche Heilsgeschehen, zu richten. Statt den heiligen Nikolaus oder andere Volksheilige in den Mittelpunkt zu stellen, sollte das „Christkind“ – als Symbolfigur für das neugeborene Jesuskind – die Rolle des Gabenbringers übernehmen.

Das Christkind bringt Geschenke
Das Christkind bringt Geschenke

Diese neue Tradition gewann zunächst in protestantisch geprägten Regionen Fuß, setze sich aber nach und nach auch in katholischen Gebieten durch. Das Christkind wird dabei als engelsgleiches Wesen oder als das Jesuskind selbst dargestellt, oft mit goldenen Locken, in weißen oder goldenen Gewändern, von einer himmlischen Aura umgeben. Seine Erscheinung ist bewusst mystisch gehalten: Das Christkind bleibt unsichtbar, seine Ankunft geheimnisvoll. Die Verbindung zum Göttlichen, zu Licht, Reinheit und Stille wird betont. Das Christkind bringt die Geschenke nicht „persönlich“, sondern entzieht sich dem Blick, es wirkt eher als Symbol und nicht als konkret erfahrbare Figur.

Die Symbolik der Gabenbringer

Damit verkörpern Weihnachtsmann und Christkind grundverschiedene symbolische Aspekte des Weihnachtsfestes: Der Weihnachtsmann steht für Herzensgüte, menschliche Großzügigkeit und das karitative Element, wie es ursprünglich mit dem heiligen Nikolaus in Verbindung gebracht wurde. Seine Erscheinung ist volkstümlich, greifbar, fast familiär. Das Christkind dagegen repräsentiert theologische Tiefe, die Erinnerung an das Wunder Christi Geburt und die damit verbundene göttliche Hingabe. Seine Gestalt bleibt märchenhaft und ist in eine Aura des Geheimnisses gehüllt.

Nicht zuletzt spiegeln sich hierin unterschiedliche religiöse Ideale wider: Während der Weihnachtsmann in einer durchaus freundlichen, fast väterlichen Weise die universale Freude am Geben und Schenken darstellt, verweist das Christkind auf die Bescheidenheit und das Licht, das mit der Ankunft des Erlösers in die Welt kam.

Wie gelangen Weihnachtsmann und Christkind in die Häuser?

Hier sind ebenfalls deutliche Unterschiede zu finden, die Versehrtheit der jeweiligen Traditionen widerspiegeln. Die Vorstellung, dass der Weihnachtsmann durch den Kamin kommt, wurzelt tief in den Ländern, wo offene Kamine tatsächlich Teil der Architektur sind. Der Kamin, als Zentrum des familiären Zuhauses, wird zum symbolischen Übergangsort zwischen Welt und Weihnachten – der magische Eintrittspunkt, durch den der Weihnachtsmann seine Gaben unbemerkt bringt. Begleitet wird dies durch eine Vielzahl kleiner Bräuche: Die Kinder stellen Milch und Kekse für den Weihnachtsmann bereit, manchmal Heu oder Karotten für dessen Rentiere – ein Mitmachritual, das für Groß und Klein den Weihnachtsgeist lebendig werden lässt.

Das Christkind hingegen bleibt unsichtbar. Nur selten gibt es konkrete Darstellungen seines Einzugs in die Häuser; vielmehr ist es ein himmlisches, fast ätherisches Wesen, dessen Ankunft nie beobachtet werden kann. In vielen Familien ist es Brauch, dass zu Beginn der Bescherung ein Glöckchen klingelt – das Zeichen, dass das Christkind nun fort ist und die Kinder das Zimmer betreten dürfen. Diese feierliche, fast sakrale Stimmung wird oft durch gemeinsames Singen, Beten oder das Vorlesen der Weihnachtsgeschichte ergänzt; das Christkind steht hier für eine tiefe, spirituelle Erfahrung des Weihnachtsfestes.

Warum gibt es Unterschiede bei der zeitlichen Bescherung?

Die Unterschiede bezüglich des Bescherungstages lassen sich nicht nur auf liturgische Traditionen zurückführen, sondern sind auch durch die Entwicklung der Kalender- und Tageszählung beeinflusst. In vielen Kulturen – so auch im alten Judentum und Christentum – begann ein neuer Tag bereits mit Sonnenuntergang, nicht erst um Mitternacht. So markiert der Heilige Abend bereits den Beginn des eigentlichen Weihnachtstages, denn in der kirchlichen Zählung gehören die Abendstunden des 24. Dezembers bereits zum 25. Dezember. Daraus erklärt sich, warum im deutschen Sprachraum das Weihnachtsfest bereits am Abend des 24. beginnt und das Christkind die Gaben bringt.

In England, den USA und anderen Ländern, in denen der 1. Weihnachtstag als wichtigstes Fest galt, setzte sich dagegen der Brauch der morgendlichen Bescherung durch, da dort ein neuer Tag um Mitternacht beziehungsweise mit dem Tageslicht beginne. Die liturgische Mitternachtsmesse, die „Midnight Mass“, spielt in diesen Regionen eine zentrale Rolle und begründet, dass die Freude über Christi Geburt mit dem ersten Tag des neuen Lichts gefeiert wird. Der Weihnachtsmann nimmt diese Rolle auf und bringt Geschenke in der Nacht.

Ihre verschiedenen Erscheinungsweisen und Zeitpunkte sind somit Ausdruck unterschiedlicher religiöser, regionaler und auch architektonischer Prägungen. Häuser ohne Kamin brauchten andere Erklärungen für das Nächtliche Hereinragen der göttlichen Gabe – hier wirkt das Christkind still und geheimnisvoll. Wo hingegen der Kamin eine zentrale Funktion hat, wird er zum Mittelpunkt des Weihnachtswunders.


In der Moderne ist festzustellen, dass sich – wie so oft bei kulturellen Bräuchen – die Linien zwischen Weihnachtsmann- und Christkindtradition mehr und mehr vermischen. In Deutschland beispielsweise kennt man beides: Der Weihnachtsmann erscheint besonders in Nord- und Ostdeutschland, während das Christkind vor allem im katholischen Süden und Westen die Geschenke bringt. In vielen Familien steht gar nicht mehr die exakte Herkunft der Figur im Vordergrund, sondern das Erleben und Weitergeben des weihnachtlichen Zaubers an die Kinder.

Mediale Globalisierung, Werbung und Popkultur haben das Bild des Weihnachtsmanns weltweit verbreitet und teilweise zur Verdrängung des Christkinds geführt. Dabei bietet die Unterschiedlichkeit der Figuren eigentlich eine bereichernde Vielfalt – und lädt dazu ein, sich jedes Jahr aufs Neue mit den Wurzeln und Bedeutungen des Weihnachtsfestes auseinanderzusetzen.

Die Unterschiede zwischen Weihnachtsmann und Christkind sind Ausdruck einer reichen, vielschichtigen kulturellen und religiösen Entwicklung sind. Der Weihnachtsmann verkörpert volksnahe Großzügigkeit, gesellige Freude und säkulare Magie des Schenkens; das Christkind dagegen steht für Besinnung, leuchtende Hoffnung und das Wunder der stillen Geburt Christi. Die konkreten Traditionen – insbesondere die unterschiedlichen Bescherungstage – sind das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen zwischen liturgischer Praxis, religiöser Symbolik und Alltagskultur. Beide Figuren, so unterschiedlich sie erscheinen mögen, tragen auf ihre Weise zum Zauber der Weihnachtszeit bei und erinnern uns daran, dass Weihnachten weit mehr ist als nur Konsum – es ist eine Zeit des Lichts, der Familie, der Liebe und der inneren Sammlung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner