Kurzgeschichte Einhörner

Im Zeitalter von Fernsehen, Computer, Streamingdiensten und Smartphone kommen manchmal wichtige Dinge zu kurz. Dazu gehört es, ein gutes Buch zu lesen.  Vorlesen fördert die Lust und die Bereitschaft zum Lesen. Je früher den Kindern vorgelesen wird, desto besser. Und nur wer Lesen kann, der kann auch an der Gesellschaft und den Medien teilnehmen und Dinge begreifen. Viel Spaß beim Vorlesen unserer Kurzgeschichte – der Name des Kindes kann natürlich individuell ausgetauscht werden 🙂

Marie und das bunte Einhorn

Hast du dich schon einmal gefragt, ob es vielleicht Einhörner wirklich gibt? Und wenn ja, wo sie sich verstecken? Genau darüber dachte Marie oft nach. Sie war ein fröhliches Mädchen mit lockigem braunem Haar und funkelnden Augen, das in einem kleinen Dorf am Rand eines großen, alten Waldes lebte. Schon seit sie denken konnte, liebte Marie Geschichten über magische Wesen, besonders über Einhörner. Jeden Abend, wenn die Sonne unterging und der Himmel sich orange und rosa färbte, schaute sie ganz gespannt aus dem Fenster und stellte sich vor, wie Einhörner im sanften Licht durch die Wälder tanzten.

Marie und das bunte Einhorn
Marie und das bunte Einhorn

An einem sehr besonderen Frühlingstag, an dem die Wiesen dufteten und die ersten Blumen blühten, fühlte sich alles ein bisschen anders an als sonst. Marie erwachte früh am Morgen, als noch zarte Sonnenstrahlen durch die Vorhänge fielen. Ein Schmetterling tanzte draußen am Fenster vorbei. Sie sprang aus dem Bett, zog ihre liebsten Gummistiefel an und lief hinaus in den Garten. Die Vögel zwitscherten und das Gras fühlte sich weich und kühl an ihren nackten Füßen an.

„Heute passiert etwas Schönes!“, flüsterte sie leise und drehte sich im Kreis, damit ihr Kleid wie ein bunter Schmetterling flatterte. Maries Herz klopfte ein bisschen schneller als sonst. Es war, als würde sie ein geheimer Ruf in den Wald locken. Also fasste sie allen Mut, verabschiedete sich von ihrer Mama und stapfte neugierig los, den alten Waldweg entlang.

Marie kannte den Wald wie ihre Westentasche. Aber heute nahm sie einen schmalen Pfad, den sie noch nie zuvor bemerkt hatte. Die Baumkronen rauschten sanft und Sonnenstrahlen fielen wie goldene Lichter auf sie herab. Während sie tiefer ging, hörte sie das Knistern trockener Zweige unter ihren Füßen und das Flüstern des Windes in den Blättern. Es fühlte sich fast so an, als würde der Wald leise singen.

Plötzlich blieb Marie stehen. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Aber sie hatte keine Angst, sondern spürte nur eine warme, freundliche Neugier. Vorsichtig schob sie einen Ast zur Seite – und glaubte, ihren Augen kaum zu trauen! Vor ihr lag eine Lichtung, die sie noch nie gesehen hatte. Sie war über und über mit bunten Blumen bedeckt, und in ihrer Mitte sprudelte ein kleiner, klarer Bach.

Ganz am Rand des Wassers leuchtete etwas Helles. Es war wie ein silberweißer Schein, der über das Gras tanzte. Als Marie noch näher kam, stockte ihr der Atem: Dort stand tatsächlich ein Einhorn! Es hatte ein schneeweißes, funkelndes Fell, dunkle, sanfte Augen und eine goldene Mähne, die im Wind wehte. Sein Horn funkelte wie ein Regenbogen, und mit jedem Schritt hinterließ es kleine, leuchtende Hufabdrücke.

Marie konnte kaum glauben, was sie sah. Erst dachte sie, sie träumte noch. Das Einhorn spitzte die Ohren, schaute zu ihr und machte einen verspielten Satz auf sie zu. „Hallo, Marie“, sagte das Einhorn mit einer Stimme, die genauso sanft war wie das Rauschen der Blätter. „Wir haben schon so lange auf dich gewartet.“

Marie traute sich ganz langsam, einen Schritt auf das Einhorn zuzugehen. „Wie – ihr habt auf mich gewartet?“, fragte sie leise. Das Einhorn nickte und lächelte. „Manchmal können nur die Menschenkinder uns sehen, die fest an Wunder glauben. Heute bist du bereit für ein richtiges Abenteuer.“

Vor Freude hüpfte Maries Herz. „Wie heißt du?“, wollte sie wissen.

„Mein Name ist Liora“, antwortete das Einhorn. „Komm, steig auf meinen Rücken. Ich zeige dir etwas ganz Besonderes.“ Marie zögerte kurz, doch dann kletterte sie vorsichtig auf Lioras kraftvollen Rücken. Das Einhorn fühlte sich erstaunlich warm und weich an, wie eine Wolke, und roch nach frischen Blumen.

Mit einem leichten Sprung galoppierte Liora los. Sie bewegte sich schneller als jeder Wind. Blumen bogen sich beiseite, Schmetterlinge tanzten um sie herum und sogar die Vögel flatterten aufgeregt durch die Luft. Marie spürte den Wind in ihrem Haar, hielt sich an der goldenen Mähne fest und lachte lauter als je zuvor. Sie fühlte sich frei und leicht, als ob alles, was sie sich je gewünscht hatte, plötzlich möglich war.

Bald erreichten sie eine sternförmige Lichtung, an deren Rand viele Einhörner standen. Sie sahen alle unterschiedlich aus: einige hatten pinke Schweife, andere silberne Hufe, wieder andere trugen kleine Blumen im Fell. Die Einhörner kamen neugierig näher, um Marie zu begrüßen. Liora stellte ihr jeden einzelnen vor – es waren freundlich lachende Einhornkinder, stolze Mütter und starke Väter.

Die Einhörner erzählten Marie von ihrem Leben im Zauberwald. Am liebsten springen sie im Mondschein über Bäche, schleichen sich an die Glühwürmchen heran oder veranstalten Wettrennen durch den funkelnden Morgentau. Sie erklärten ihr auch, warum sie sich vor den Menschen verstecken: Menschenherzen haben manchmal ihre Fantasie verloren, aber Kinder sind etwas Besonderes – sie erinnern sich an die Magie der Träume.

Marie durfte mit den Einhörnern an diesem Tag viele Abenteuer erleben. Sie half ihnen, die süßesten Beeren zu pflücken, versteckte sich mit den Kleinsten beim Spielen zwischen blühenden Sträuchern und bestaunte einen Regenbogen, den die Einhörner gemeinsam mit ihren Hörnern zauberten. Sogar ein kleines Einhorn, das sich anfangs nicht traute, kam irgendwann zu ihr und ließ sich von ihr die Mähne flechten.

Marie fühlte sich so geborgen und geliebt wie nie zuvor. Sie lachte, tanzte und träumte im Kreis ihrer neuen Freunde. Jede ihrer Sorgen – die schlechten Träume, die Angst vor Gewitter oder Streit mit ihrer besten Freundin – wurden von der Zauberwelt der Einhörner ein bisschen leichter.

Die Zeit verging wie im Flug. Am Himmel glühten die Sterne auf, und langsam wurde es Abend. Liora führte Marie zurück zum Rand des Zauberwaldes. Marie spürte ein kleines bisschen Traurigkeit, weil sie wusste, dass ihr Abenteuer gleich vorbei war. Doch Liora stupste sie sanft an und sagte: „Wir sind immer in deiner Nähe, auch wenn du uns nicht siehst. Wenn du an uns glaubst, findest du uns im Herzen wieder.“

Mit warmem Herzen und strahlenden Augen verabschiedete sich Marie von allen Einhörnern. Sie lief zurück durch den dämmernden Wald, über den vertrauten Weg nach Hause. Ihr Kopf war voller Bilder von glitzernden Hufen, funkelnden Hörnern und fröhlichem Lachen.

Zuhause angekommen, schloss sie die Tür, kletterte in ihr Bett und blickte noch lange gedankenverloren zum Fenster hinaus. Die Welt draußen sah plötzlich ein bisschen magischer aus. „Ich weiß jetzt, dass Wunder überall sein können“, flüsterte sie leise, „wenn wir an sie glauben.“

Und so schlief Marie ein – mit dem leisen Wissen, dass das Glück manchmal ein silbernes Horn und funkelnde Augen hat. Ihr Herz war voll Dankbarkeit, und in ihren Träumen tanzten Einhörner durch den Sternenhimmel. Wer weiß: Vielleicht warten sie auch auf dich – hinter dem nächsten Regenbogen.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner