Kurzgeschichte – Der erste Tag an einer neuen Schule

Manchmal verändern sich Dinge im Leben, auf die wir keinen Einfluss haben – wie ein Umzug in eine neue Stadt oder eine neue Schule. Plötzlich ist alles ungewohnt und ein bisschen unheimlich, und man fragt sich, ob man wohl neue Freundinnen finden wird. Diese Geschichte erzählt von Lina, die an ihrem ersten Schultag ganz viel Mut braucht. Sie zeigt, dass manchmal schon eine kleine freundliche Geste reicht, damit aus Unsicherheit und Angst Freude und Freundschaft werden können.. Die Geschichte ist einfühlsam, anschaulich und kindgerecht geschrieben – ideal zum Vorlesen oder selbst lesen.

Lina und der Regenbogenschal

Lina stand ganz still vor dem großen Spiegel im Flur. Es war noch früh am Morgen, und Mama war schon fleißig in der Küche und schmierte Pausenbrote. Heute war ein besonderer Tag. Ein Tag, an den sie sich bestimmt ihr Leben lang erinnern würde – so hatte es Papa gestern Abend gesagt. Lina konnte das grummelige Gefühl in ihrem Bauch nicht loswerden. Es war ihr erster Tag an der neuen Schule. Die Schule war riesig, die Flure waren lang, und alle Kinder kannten sich bestimmt schon. Lina kannte niemanden. Niemand wusste, dass sie gern malt und heimlich manchmal insgeheim beim Lesen kichert, weil die Geschichten so lustig sind. Und sicher wusste auch niemand, dass Lina immer dann ihren Regenbogenschal trug, wenn sie Mut brauchte.

Kurzgeschichte - Der erste Tag an einer neuen Schule
Kurzgeschichte – Der erste Tag an einer neuen Schule

Vorsichtig zog sie den weichen, bunten Schal aus dem Regal, legte ihn um ihren Hals und drehte sich ein paar Mal im Kreis. Die Farben schimmerten im Morgenlicht. Sie fühlte sich, als würde sie eine unsichtbare Kraft umgeben – vielleicht war das ein bisschen Zauber, vielleicht einfach ein kleines Stück Geborgenheit.

Mama kam um die Ecke und lächelte, als sie Lina sah. “Du siehst wunderbar aus”, sagte sie und strich Lina sanft über den Kopf. “Der Regenbogenschal bringt dir Glück, das weißt du doch.” Lina nickte. Trotzdem war sie nervös. Sie verknotete die Enden des Schals unruhig in ihren Händen und sah Mama mit großen Augen an. “Was ist, wenn mich niemand mag? Oder wenn ich keinen Platz zum Sitzen finde? Oder wenn ich das Klassenzimmer nicht finde?” Ihre Stimme wurde leise, als hätte sie Angst, dass die Sorgen zu laut ausgesprochen noch größer würden.

Mama umarmte sie fest. “Du bist wundervoll, so wie du bist. Und weißt du was? Fast alle Kinder sind am ersten Tag an einer neuen Schule aufgeregt. Manchmal merkt man es ihnen nur nicht an. Und manchmal passiert etwas Schönes, das alles verändert.”

Mit diesen Worten und einem Schmetterlingskuss auf die Stirn verabschiedete sich Lina von Mama, schlüpfte in ihre hellblauen Lieblingsschuhe und machte sich auf den Weg.

Draußen fühlte sich die Welt leise an. Die Luft war frisch. Die Straße war voller Schüler*innen, die sich fröhlich unterhielten und gemeinsam auf die Schule zusteuerten. Lina ging alleine und zog den Schal ein Stückchen höher, als könnte er sie verstecken.

Je näher sie der Schule kam, desto lauter wurde es. Lachen, Rufen, der Klang vieler Stimmen vermischten sich zu einem Wirbel. Vor dem imposanten Gebäude versammelten sich Gruppen von Mädchen. Sie hatten sich offenbar schon lange nicht mehr gesehen und tauschten Geschichten aus, hielten gegenseitig ihre Haarspangen bewundernd in die Höhe oder lachten über eigene Witze. Lina blieb stehen und beobachtete das fröhliche Treiben. Ein paar Schritte von ihr entfernt setzte sich eine Gruppe Mädchen auf die breite Mauer und holte bunte Freundschaftsbücher heraus. Lina kannte niemanden. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Plötzlich drehten sich die Mädchen um und sahen sie an. “Wer ist das?”, flüsterte eine mit glitzerndem Stirnband. Lina senkte schnell den Blick und marschierte tapfer weiter, so als würde sie die Aufmerksamkeit nicht stören.

Im Schulgebäude strömten die Kinder wie ein bunter Fluss an den Wänden entlang. Überall hingen große Plakate mit Zeichnungen, auf denen Tiere, Bäume und bunte Blumen zu sehen waren. Lina wünschte, sie hätte etwas von sich selbst an die Wände malen können – vielleicht ein Einhorn, das auf dem Regenbogen fliegt oder ein Pony auf einer Wiese mit kunterbunten Blumen. Doch heute musste sie erst einmal herausfinden, wo ihr Klassenzimmer war.

Vorsichtig suchte sie nach der Nummer, die auf ihrem Stundenplan stand: 2a. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte in die langen Flure. Schließlich entdeckte sie das richtige Schild an einer Tür – über der Klinke baumelte eine Girlande aus Papierherzchen und glitzernden Sternen. Ein kleines Mädchen mit wilden Locken saß auf der Bank davor und spielte mit den Schnürsenkeln ihrer Schuhe. Lina atmete tief ein, lächelte unsicher, als sie die Tür öffnete, und schlüpfte ins Klassenzimmer.

Drinnen herrschte ein leises, geschäftiges Stimmengewirr. Die Mädchen packten ihre bunten Stifte aus, ordneten Bücher, manche brachten kleine Stofftiere oder glänzende Haarspangen als Glücksbringer mit. Lina war überwältigt von all den Farben und Stimmen. Ganz hinten in der letzten Reihe stand noch ein Stuhl frei. Sie ging vorsichtig dorthin, setzte sich hin und versuchte, möglichst unauffällig zu bleiben.

Ein Mädchen mit einer hellrosa Strickjacke, die vorne mit Einhornknöpfen verziert war, beugte sich neugierig zu ihr rüber. “Hi, ich bin Sophie”, flüsterte die Unbekannte. “Willst du auch einen Aufkleber?” Sie hielt Lina einen Bogen mit Glitzerherzchen hin. “Gern”, sagte Lina leise und klebte ein Herz auf ihr Heft.

Während des Unterrichts versuchte Lina gut aufzupassen, doch es fiel ihr schwer. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab – zu ihrer alten Freundin Anna, zu ihrem hellgrauen Kuscheltierhäschen, zu Mamas Schmetterlingskuss am Morgen. Manchmal kamen die Mädchen beim Aufzeigen fast gleichzeitig dran und lachten darüber, dass Frau Weber, die Lehrerin, manchmal die Namen verwechselte. Linas Name klang heute fremd im Mund der anderen. Alles war anders.

Endlich klingelte es zur ersten Pause. Die Mädchen stürmten nach draußen. Einige rannten direkt zum Klettergerüst, andere rissen ihre Springseile aus den Taschen oder spielten Fangen. Lina folgte langsam der Menge. Sie fühlte sich wie eine Schneeflocke, die zwischen all den anderen einfach untergeht. Niemand schien sie zu bemerken. Sie schlenderte an einer Gruppe vorbei, die laut über eine neue Zeichentrickserie diskutierte, und seufzte leise. Mit hängenden Schultern setzte sie sich auf die alte Holzschaukel im hinteren Teil des Schulhofs und schob sich vorsichtig hin und her. Ihr bunter Schal lag wie eine sanfte Umarmung auf ihren Schultern.

Es dauerte eine Weile, bis sie das leise Scharren neben sich bemerkte. Ein Mädchen mit zwei dicken, hellbraunen Zöpfen, die mit rosa Schleifen zusammengebunden waren, blieb vor ihr stehen. Sie trug ein T-Shirt mit einem selbstgemalten Regenbogen darauf und hatte bunte Tintenflecken an den Fingern.

“Hallo”, sagte das Mädchen und lächelte warm. “Du bist neu hier, oder?” Lina nickte. “Ich heiße Mia”, sagte das Mädchen und rutschte auf der anderen Schaukel ein Stück näher, damit sie sich besser unterhalten konnten. “Dein Schal sieht richtig toll aus.”

Lina wurde ein wenig rot, weil sie nicht daran gewöhnt war, Komplimente zu bekommen. “Danke… ist mein Glücksschal”, erklärte sie leise und lächelte schüchtern zurück.

Mia zwinkerte. “Ich hab auch einen Glücksbringer”, sagte sie stolz und zog eine kleine Figur aus ihrer Hosentasche. Es war ein winziges Einhorn aus Glas. “Ich hatte auch mal Angst, als ich neu war. Aber weißt du was? Am ersten Tag habe ich hier meine Freundin getroffen, die leider weggezogen ist. Da war ich auch ganz allein.” Mias Stimme klang ehrlich und ein bisschen traurig, aber dann strahlte sie plötzlich wieder. “Willst du vielleicht heute meine neue Freundin sein?”

Linas Herz hüpfte. Sie fühlte sich plötzlich viel weniger einsam. “Sehr gern!”, sagte sie schnell, überrascht, wie froh sie klang.

Mia fing an zu erzählen. Sie mochte Pferde über alles, am liebsten malt sie bunte Fantasie-Pferde mit Flügeln und schmeißt beim Reiten auf dem Ponyhof immer mit glitzerndem Schild rot ihre Zöpfe hin und her. “Nach der Schule fahr ich fast jeden Freitag zum Reiten – vielleicht magst du mal mitkommen?”

Lina lachte erleichtert. “Das klingt wunderschön! Ich zeichne am liebsten Ponys. Mein Papa sagt, ich kann ihnen mit meinen Farben Leben einhauchen.”

“Zeigst du mir mal deine Bilder?”, fragte Mia neugierig.

“Gern! Willst du vielleicht heute in der Pause mit mir was malen?”, schlug Lina vor. Sie fühlte sich plötzlich leicht und mutig, als könnte sie jeden Tag einen neuen Regenbogen malen.

Mia klatschte in die Hände. “Oh ja! Ich hab sogar neue Glitzerstifte dabei. Wir könnten einen Sternen-Pony-Kalender machen!”

Die Mädchen verließen gemeinsam die Schaukeln und setzten sich unter einen großen Baum auf eine Decke, die Mia aus ihrem Rucksack zauberte. Sie holten Blätter, Buntstifte und Glitzer aus ihren Taschen. Neben ihnen spielte eine andere Gruppe Seilchen, und die Luft war voller Lachen und fröhlicher Stimmen.

Lina war erstaunt, wie viele Ideen Mia hatte. Sie malte zuerst ein Einhorn mit Regenbogenschweif, Mia malte ein kleines Pony mit riesigem Herzchen-Tattoo am Bein. Sie zeigten sich gegenseitig die Bilder, lachten, wenn ein Strich mal danebenging, und erzählten sich dabei von ihren Lieblingsbüchern, peinlichen Pannen und Lieblingsfarben.

“Mein Lieblingsessen ist Spaghetti mit ganz viel Tomatensauce”, verriet Mia. Lina kicherte: “Ich liebe Pfannkuchen – am besten mit Apfelmus.” Mia machte große Augen. “Pfannkuchen mag ich auch! Sollen wir mal Pfannkuchentag machen?” Lina nickte begeistert.

Die Pause war wie im Flug vergangen, und als die Lehrerin zum Ende rief, wollten Lina und Mia gar nicht aufhören zu malen. “Wir können in der nächsten Pause weiterzeichnen”, versprach Mia.

Im nächsten Unterricht saß Lina neben Mia. Sie hatte einen festen Platz bekommen und fühlte sich endlich nicht mehr ganz so fremd. Plötzlich reichte ihr Mia einen kleinen Zettel rüber, darauf stand in bunten Buchstaben: “Wir sind jetzt Freundinnen! #TeamRegenbogen”. Lina schmunzelte und schrieb darunter: “Für immer!”

Am Nachmittag erzählten sie einander alles Mögliche. Mia schwärmte von ihrem Pony Star, von Pfadfinderinnen-Camps und dem großen Wunsch, einmal ihre eigene Geschichte zu schreiben. Lina erzählte von ihrer Katze Momo, von selbst gemalten Büchern und davon, dass ihr alter Kindergartenfreund ihr immer Mut gemacht hatte, wenn sie ängstlich war.

Nach der Schule packten die beiden gemeinsam ihre Sachen und liefen nebeneinander über den Schulhof. “Kommst du morgen mit mir ins Mal-Atelier?”, fragte Mia plötzlich. Lina strahlte. “Oh ja! Und ich bringe dann meine neuen Filzstifte mit.” “Und ich Glitzerkleber!”, sagte Mia lachend.

Sie tauschten Handynummern aus, schrieben sich erste Geheimzeichen wie Regenbogen-Emojis und malten unterwegs mit den Fingern kleine Kreise in die Luft, als würden sie gemeinsam Zauberei üben.

Zuhause erzählte Lina Mama überschwänglich von ihrer neuen Freundin. Von den zwei Zöpfen, der mutigen Idee mit dem Pony und davon, wie sie den Regenbogenschal bewundert hatte. Mama lächelte und schüttelte beeindruckt den Kopf. “Wusste ich doch, dass dein Schal Glück bringt!”, sagte sie. “Und am meisten Glück bringen Menschen wie du, Lina, die freundlich und offen sind.”

Als Lina am Abend im Bett lag, den Regenbogenschal fest um sich gewickelt, dachte sie daran, wie schön manche Tage enden – mit einem neuen Anfang. Sie hatte eine Freundin gefunden, mit der sie lachen, malen, träumen und manchmal auch einfach schweigen konnte. Und Lina wusste: Selbst wenn sie wieder ängstlich wäre, würde Mia ihr zuhören. Es war, als hätten sie beide einen unsichtbaren Regenbogen gespannt, der sie immer wieder zusammenführen würde.

Am nächsten Tag hüpfte Lina fröhlich zur Schule. Sie freute sich auf neue Abenteuer, knisternde Glitzerstifte – und lachende Freundinnen, die gerne Regenbogen zaubern.


Was lernen wir daraus?

Manchmal sind wir in einer neuen Situation unsicher, fühlen uns vielleicht sogar ein wenig verloren. Doch wenn wir uns trauen, ehrlich zu uns selbst zu sein, und offen auf andere zugehen, kann etwas Wundervolles entstehen. Oft reicht schon ein Lächeln oder ein paar nette Worte, damit wir uns nicht mehr allein fühlen. Wahre Freundschaft beginnt oft ganz leise – mit Verständnis, Herzlichkeit und ein bisschen Mut. Das ist das Schönste an neuen Anfängen: Sie schenken uns die Chance, wundervolle Menschen kennenzulernen und gemeinsam neue Abenteuer zu erleben.

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